II. Psycholologie

Der Seelenbegriff in der Anthroposophischen Psychologie und Psychotherapie
„Die erste Wissenschaft, in der es der Geist mit sich selbst zu tun hat, ist die Psychologie. Der Geist steht sich betrachtend selbst gegenüber.“

Die Seele ist eine eigene, immaterielle Organisationsform des Menschen. Sie ist nicht sichtbar, aber sie zeigt sich: in Qualitäten und Fähigkeiten, die wir ‚seelisch’ nennen.
Das Anstößige am Wort ‚seelisch’  ist zugleich das, was diesen Begriff auszeichnet. Er betont wie kein anderer die Einmaligkeit und Besonderheit des menschlichen Erlebens. (...) das zentrale Element des Seelischen, das im Primat des unmittelbaren Empfindens, Fühlens und Wollens liegt. (...) Seelisches Erleben hat die Eigenart, nur von anderem seelischen Erleben erfasst werden zu können. Es ist immer ‚Erleben aus erster Hand’ und kann auch mit raffiniertesten elektronischen Informationsträgern nicht simuliert werden.

Die Seele hat ein natürliches Bedürfnis, sich auszudrücken, sich zu zeigen, sich mitzuteilen. Dies tut sie mit Hilfe des Leibes, bewusst vor allem durch Sprache und Bewegung, in unseren Handlungen;

unbewusst in den unwillkürlichen Bewegungen und organischen Vorgängen, so auch in der Atmung, im Herzschlag, im Blutdruck, in der Darmperistaltik usw.

Die Seele hat eine Mittelstellung zwischen Leib und Geist, durch dieses „Zwischensein“
 kann die Seele in ihren Ausdrucksformen neben dem Leib auch auf die geistigen Fähigkeiten des Ich zurückgreifen, sich durch sie zeigen; dies geschieht beispielsweise in einer Veränderung von Urteilen, Motiven und Wertsetzungen im Lauf des Lebens.
Das Ich prägt als individualisierter Geist die Seele und ihre Ausdrucks- und Verwirklichungsformen in Erleben, Verhalten und zeigt sich in der inneren Haltung des Menschen. Die Seelenfähigkeiten und die entsprechenden Tätigkeiten sind immer als Ausdruck und Erscheinungsform des individuellen Menschen zu verstehen.


„Wir sind uns als bewusste Wesen unzweifelhaft gewiss. In dieser elementaren Tatsache beweist sich, dass die Seele nicht ein bloßes Hirngespinst ist. Versteift man sich dennoch auf diese Ansicht, so müsste man angeben, wer denn der Träger dieses Hirngespinstes ist, eine Frage, die die Neurophysiologie nicht beantwortet.“



Sinnestätigkeit

In der anthroposophischen Anthropologie sind zwölf Sinne beschrieben: Tast-, Lebens-, Eigenbewegungs-, Gleichgewichts-, Geruchs-, Geschmacks-, Seh-, Wärme-, Gehör-, Wort-, Gedanken-, Ichsinn.



Seelenfähigkeiten

Seelenfähigkeiten sind Bewusstsein, Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Wollen, Handeln, Sprache, Orientierung, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis und Reflexionsfähigkeit. Diese Differenzierung der Seelenfähigkeiten korrespondiert mit dem gängigen Manual zur Befunderhebung der Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie AMDP.
Die Befunderhebung – nach dem AMDP-System – muss trainiert werden, damit während eines explorativen Gesprächs die Seelenfähigkeiten miterfasst und beurteilt werden können. In unserem Konzept sind die Seelenfähigkeiten nicht allein im Gehirn lokalisiert, sonst wären sie ja Gehirnfähigkeiten. Das Gehirn ist das Zentralorgan, das die Einflüsse von außen, aus der Welt, und von innen, aus dem Körper, koordiniert.   Seele und Körper, auch Gehirn, sind in Kommunikation.



Seelenqualitäten

Seelenqualitäten in unserem Konzept sind: Behüten, Sorgen, Hoffen, Bewegen, Wandeln, Ausgleichen, Lieben.

Die Seelenqualitäten zeichnen sich dadurch aus, dass der Idealzustand „in der Mitte“ ist, krankhaft ist das Extrem:

  • Behüten kann sich als Extrem ausprägen in Abgrenzung, Abweisung, Dichtmachen, Verschlossenheit und Unnahbarkeit, oder im Gegenteil als Entgrenzung, Vernachlässigung und Verletzbarkeit (Vulnerabilität).

  • Sorgen kann als Extrem Überfürsorge einerseits oder Vernachlässigung, Verwilderung andererseits sein.

  •  Hoffen kann als Extrem völlige Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Schwarzsehen sein, im anderen Extrem „Blauäugigkeit“ und unangemessene Positivität, ungedeckt durch die Wirklichkeit.

  • Bewegen kann in einem Extrem Erstarrung sein, Stehen- oder Steckenbleiben, im anderen Extrem Tollkühnheit, Ungestümheit oder Chaos, alles durcheinander werfen.

  • Wandeln ist ein zentraler Vorgang des Heilungsgeschehens: Not in Fähigkeit wandeln, Hass in Liebe, Trauer in Annahme. Dauerndes Wandeln erzeugt Unsicherheit und Unberechenbarkeit, kein Wandeln ist Erstarrung und Stillstand, typisch im Schockzustand.

  • Ausgleichen kann in einer Ausprägung harte Kompromisslosigkeit, Unbelehrbarkeit, Befangenheit sein, im anderen Extrem Nebulosität, Unfassbarkeit, Verwirrung, Desorientierung.

  • Lieben kann im einen Extrem als Hass und Destruktivität in Erscheinung treten, im anderen Extrem als Übergriffigkeit und Selbsterhöhung.


Seelenentwicklung

Die Gesetzmäßigkeiten der Lebensentwicklung in Jahrsiebten und die Einflüsse durch kosmische Gesetzmäßigkeiten eignen sich sehr gut als Einstieg in eine Erfassung der biografischen Gesamtsituation. Biografiearbeit hat sich zu einem eigenen Bereich im Spektrum der anthroposophischen Lebensberatung entwickelt.  



Beziehungen der Seele

Die Seele steht zwischen Leib und Ich und tritt in Beziehung zur Mitwelt, zur Umwelt und zur Geistwelt.